{"id":353,"date":"2020-09-23T19:00:43","date_gmt":"2020-09-23T17:00:43","guid":{"rendered":"http:\/\/sophiejacobsen.de\/?page_id=353"},"modified":"2020-09-23T19:00:43","modified_gmt":"2020-09-23T17:00:43","slug":"erwin-petersen-direktor-1987-2000","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/sophiejacobsen.de\/?page_id=353","title":{"rendered":"Erwin Petersen, Direktor 1987-2000"},"content":{"rendered":"\n<p>13 Jahre sind eine lange Zeit. Selbst f\u00fcr den Direktor eines Gymnasiums. In der mittlerweile 135j\u00e4hrigen Geschichte der TSS gab es auch nur 3 Direktoren (bzw. Schulvorsteherinnen), die l\u00e4nger als Erwin Petersen im Amt waren. Mehrere Sch\u00fclergenerationen kannten nie einen anderen Direktor. Und sie standen nicht allein mit ihrer \u00dcberraschung, als der ehemalige Zehnk\u00e4mpfer und Landesmeister im Dreisprung in den Ruhestand ging.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein R\u00fcckblick. Erwin Petersen wurde 1937 in M\u00fclheim an der Ruhr geboren. Nach Beginn des 2. Weltkrieges zog die Familie nach Schlesien in die N\u00e4he von Liegnitz (der sp\u00e4teren Partnerschule der TSS). Vor den heranr\u00fcckenden Truppen der Sowjetunion floh die Familie in den Kreis Segeberg. Dort wurden sie als Fl\u00fcchtlinge A einsortiert, was bedeutete, hinter der Oder\/Nei\u00dfe-Linie gewohnt zu haben. F\u00fcr den 7j\u00e4hrigen Erwin waren das durchaus aufregende Zeiten. Nach der Grundschule ging er auf das Gymnasium in Bad Segeberg, wo er 1957 sein Abitur machte. Sein Studium der Mathematik und Physik begann und beendete er in Hamburg. Um dieses Studium zu finanzieren, arbeitete er erst zwei Jahre in einer Kaffeer\u00f6sterei, wo er an einem Band die sogenannten Stinker aussortierte, gelbe Bohnen, die beim R\u00f6stvorgang irreparablen Geruchsschaden verursacht h\u00e4tten. Sp\u00e4ter zog er es vor &#8211; trotz seines Aufstiegs zum Endkontrolleur &#8211; lieber in der Stadtverwaltung Wahlstedt zu arbeiten, wo er im Ordnungsamt u.a. Wahlen mit vorbereitete. Sicherlich eine ungew\u00f6hnliche Studentent\u00e4tigkeit, aber der Hinweis auf den dort arbeitenden Vater erkl\u00e4rt dann manches. &#8222;Ein ausschweifendes Studentenleben war mit diesen finanziellen Mitteln nat\u00fcrlich nicht m\u00f6glich.&#8220; Dem ersten Examen 1963 und dem Referendariat in Bad Brahmstedt folgte 1965 das zweite und eine neue Schule: B\u00fcsum. Als Junglehrer arbeitete er freiwillig im Internat und wohnte auch dort. Als einziger Erzieher und mit wenig Freizeit.<\/p>\n\n\n\n<p>Insgesamt neun Jahre verbrachte er so in Dithmarschen. Doch irgendwann kam einfach die Zeit, wo etwas anders laufen sollte: &#8222;Haus bauen und das war es dann\u2026Nein.&#8220; Es mu\u00dfte M\u00f6glichkeiten geben dazuzulernen, andere Menschen zu treffen, neue Gelegenheiten. Das Ausland schien hervorragend dazu geeignet. Ein befreundeter Kollege berichtete ihm schon einmal begeistert von Mailand. Doch f\u00fcr den Auslandsdienst an einer deutschen Schule mu\u00dfte erst einmal ein Antrag auf Versetzung gestellt und genehmigt werden. Das war schwer in diesen Tagen. Mathelehrer waren selten und die Eltern schnell auf den Barrikaden, wenn man die wenigen Vorhandenen auch noch gehen lassen w\u00fcrde. Herr Petersen wollte trotzdem. Dem erstaunten Ministerialbeamten teilte er also schriftlich mit, er w\u00fcrde k\u00fcndigen, wenn man ihn nicht gehen lie\u00dfe. Bei der Wahl ihn ganz oder eben nur f\u00fcr einen begrenzten Zeitraum zu verlieren, lie\u00df das Ministerium ihn widerstrebend los. Seine hervorragenden p\u00e4dagogischen F\u00e4higkeiten waren bekannt und so wurde er nach einer angemessenen Zeitspanne &#8211; eine Art Schweigejahr &#8211; freigestellt.<\/p>\n\n\n\n<p>1974 ging es dann nach Rom. Es standen andere Schulen zur Auswahl. Exoterische Orte wie Bogota, Istanbul oder Quito, die Hauptstadt von Ecuador. Rom war nicht seine pers\u00f6nliche Nummer Eins, die Entscheidung mu\u00dfte damals in nur einer Woche fallen. F\u00fcr Herrn Petersen war das in der R\u00fcckschau eine gute Wahl. Die eigentlich dort geplanten 3 Jahre wurden erst auf 5 und dann auf 7 Jahre verl\u00e4ngert. In Rom war er der einzige mit Kenntnissen von der Oberstufenreform, er entwickelte das sogenannte r\u00f6mische Modell mit und wurde Oberstufenleiter. Und das, obwohl im Ausland selten bef\u00f6rdert wird, denn in den Augen manches Beamten ist ein Aufenthalt im Ausland wie Urlaub. Herr Petersen erz\u00e4hlt von manchen, bei denen die Erleichterungen des Auslandsdienstes &#8211; Dienstboten w\u00e4ren hier des Verst\u00e4ndnisses wegen zu erw\u00e4hnen &#8211; schwer aus den K\u00f6pfen zu bekommen sind und die m\u00fchsam auf die Erde runtergeholt werden m\u00fcssen. Das Land Italien bot ihm viel. Eine andere Gesellschaft, in der unter anderem das Interesse an Land, Kultur und Geschichte einfach gr\u00f6\u00dfer ist. Als Beispiel erw\u00e4hnte er den nicht selbstverst\u00e4ndlichen Anblick von Soldaten in einer Schlange vor dem neuer\u00f6ffneten Etruskermuseum. Die italienischen Sch\u00fcler zeigen \u00e4hnliches Interesse. Sie wissen einfach Bescheid und vor allem: \u201cSie wollen wissen\u201d. Und nicht zuletzt lernte er in Italien seine Frau an der Schule kennen. Aber trotz aller Differenzen, bot Italien doch auch die N\u00e4he zu den eigenen kulturellen Wurzeln. Sp\u00e4ter, in der Heimat zur\u00fcck, bestand dann auch der Wunsch die eigenen Defizite in Kultur, Kunst und Arch\u00e4ologie nachzuholen. Italien kannten die Petersens mittlerweile zum Teil besser als das eigene Land.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach der R\u00fcckkehr und einem damit verbundenen Abstecher nach Henstedt-Ulzburg kam Erwin Petersen 1987 als 16. Direktor und Nachfolger von Heinz Hahn an die Theodor-Storm-Schule. Im Nachhinein waren ihm vor allem der Aufbau des Musikzweiges, die Erweiterung der Schule und auch die Verhandlungen um die Gr\u00f6\u00dfe der 1992 endlich erbauten Turnhalle wichtig. Entgegen der Planungen wurde sie doch nach langem Kampf in den gew\u00fcnschten Gr\u00f6\u00dfenordnungen der Schule gebaut. Herrn Petersen lag ebensoviel am gegenseitigen Engagement, am Miteinander und als vorbildlich erw\u00e4hnt er dabei das Projekt der Bis(s)trothek. Hier haben sich Sch\u00fcler\/Eltern\/Lehrer gemeinsam an einem Projekt beteiligt. Gemeinsam etwas geschaffen. Als Lehrer ist er sich durchaus bewu\u00dft, da\u00df p\u00e4dagogische Noten nicht supergerecht sind, jedoch sollen sie die Sch\u00fcler weiterbringen. Die Akzeptanz im Ausland beispielsweise ist da eine andere, so etwas wie Rankings w\u00e4ren in Deutschland wohl unvorstellbar. Als TSS-Direktor hatte er auch eine Rolle zu spielen und das fair. Und dabei entsprachen die Vorschriften nicht immer seinen eigenen Vorstellungen oder Idealen. In seiner Welt haben dann letztere bei Konflikten zur\u00fcckzustehen. Das setzte ihn des \u00f6fteren der Kritik aus, die er aber sehr gelassen hinnahm und auch zum Reflektieren nutzte: &#8222;Was tun wir?&#8220; Am Beispiel &#8222;Sozialer Tag in Schleswig-Holstein&#8220; wird einiges deutlicher. Die TSS nahm beim ersten Anlauf nicht teil, denn es gab gute Argumente dagegen. Der Unterrichtsausfall w\u00e4re ebenso anzumerken, wie die Bezahlung der Lehrer, die nat\u00fcrlich trotz nicht gegebenen Unterrichts ohne Abz\u00fcge \u00fcberwiesen wurde. Die Vertreter der Sch\u00fclerschaft der TSS schlossen sich diesen Argumenten an. Geld kam trotzdem von der TSS, die Schule veranstaltete Konzerte und lie\u00df die Spenden daf\u00fcr der Aktion zukommen. Die Organisatoren von &#8222;Sch\u00fcler helfen Leben&#8220; konnten oder wollten das nicht sehen. Sie sahen in der TSS nur eine zu strafende Abweichlerin. Noch in Gegenwart des Direktors wurden mit einem Handy die Medien benachrichtigt, die es sich nat\u00fcrlich nicht nehmen lie\u00dfen auf die Schule einzupr\u00fcgeln. Das ist eben doch nur schlechter Stil und im lokalen Bereich sind \u00f6ffentliche Einrichtungen vielfach leichter zu kritisieren, als vielleicht die Wirtschaft, die mit ihrer Werbung eine Publikation mehr als nur unterst\u00fctzt. Als Direktor hat man auch das durchzustehen. F\u00fcr Herrn Petersen hei\u00dft Zivilcourage querstehen. Auch wenn es nur hinter den Kulissen stattfindet. Manch offensichtlicherer Kampf, ist die undankbare Aufgabe beim Abiumzug die Nichtabiturienten davon abzuhalten mitzulaufen und damit das Schulgel\u00e4nde zu verlassen. Wer denkt dabei schon an den nicht existierenden Versicherungsschutz oder die Sorgfaltspflicht der Schule? Und auch wenn Jahr f\u00fcr Jahr das vertraute Bild des Lehrerdammes gegen die wegschwappende Sch\u00fclerschaft identisch blieb und Herr Petersen mit dem schuleigenen Megaphon sich gegen die Masse stellen mu\u00dfte: Der Humor blieb. Da mu\u00dfte sich der 92er-Abiturient Lars Goldenbogen mit seinem Megaphon schon mal ein belustigtes &#8222;Nachmacher&#8220; anh\u00f6ren. Und selbst als Petersens Kopf auf der Abizeitung &#8222;Der Abiator &#8211; Ich will niemandem zu nahe treten&#8220; auf den von Arnold Schwarzenegger gespielten Terminator montiert wurde, nahm er es mit viel Nonchalance. Da andere Lehrk\u00f6rper sich dar\u00fcber doch sehr ereiferten, ein sehr sympathischer Zug.<\/p>\n\n\n\n<p>Da erz\u00e4hle ich auch noch schnell eine Geschichte, die Hansen II einst mit Begeisterung erw\u00e4hnte: Die Stadt hatte vor Jahren die Aubr\u00fccke zwischen TSS und HTS bis auf die Bohlen demontiert, freundlicherweise ohne irgendjemandem Bescheid zu geben. Die meisten gingen beim Anblick der nicht mehr existierenden Br\u00fccke einen Umweg. Nicht Erwin Petersen. Er balancierte \u00fcber die Balken und kam trockenen Fu\u00dfes und p\u00fcnktlich in die Schule.<\/p>\n\n\n\n<p>Nach 13 Jahren ist all dies nun vorbei. Herr Petersen fand die TSS genau richtig in diesem Lebensabschnitt, er konnte mitgestalten, konnte die Ziele, die er f\u00fcr junge Leute wichtig hielt mit integrieren: Denken &#8211; selbst\u00e4ndig denken, sich selbst helfen und eine Pers\u00f6nlichkeit entwickeln. Als Fazit sieht er diesen Weg &#8211; diesen geraden Weg &#8211; als so gew\u00fcnscht an. Er betont noch einmal die Wichtigkeit der Musik, die Wichtigkeit von Anspr\u00fcchen und schlie\u00dft mit: &#8222;Ein ideales Ende&#8220;. Nach seinem Ausscheiden aus dem Schuldienst wird er sich mehr um seine Familie k\u00fcmmern &#8211; seine Tochter geht in England zur Schule &#8211; und einige Hobbies vertiefen, wie beispielsweise die Filmbearbeitung am Computer. Dinge, die im Dienst oft zu kurz kamen. Dinge, die ein wenig im Verborgenen blieben. Wir w\u00fcnschen ihm viel Gl\u00fcck und Spa\u00df.<\/p>\n\n\n\n<p>(aus der VI. Schulschrift &#8211; 2000)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>13 Jahre sind eine lange Zeit. Selbst f\u00fcr den Direktor eines Gymnasiums. In der mittlerweile 135j\u00e4hrigen Geschichte der TSS gab es auch nur 3 Direktoren (bzw. Schulvorsteherinnen), die l\u00e4nger als Erwin Petersen im Amt waren. Mehrere Sch\u00fclergenerationen kannten nie einen anderen Direktor. 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